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Über sarah zalfen

Sarah Zalfen ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe "Gefühlte Gemeinschaften? Emotionen im Musikleben Europas" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin. Sie studierte Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut der Freien-Universität Berlin und promovierte dort mit einer Arbeit über den Wandel von Staatlichkeit und europaweite Opernkrisen am Ende des 20. Jahrhunderts. Ihre aktuelle Forschung befasst sich mit der musikalischen Gestaltung von Parteitagen und deren gemeinschaftsstiftender Funktion sowie mit interdiziplinären Fragen der Musikvermittlung. In ihrem zweiten Leben ist Sarah Zalfen Kulturadministratorin.

Von Angesicht zu Angesicht

Quelle: Lutz Friedel

Quelle: Lutz Friedel/Landtag

Sarah Zalfen

Heute hat das Präsidium des Brandenburger Landtages beschlossen, es bei der Eröffnungsausstellung mit Bildern des Malers Lutz Friedel zu belassen. Auch wenn in den letzten Tagen viel Verwunderung und Protest zu hören war, das ist die richtige Entscheidung!

 

 

Die CDU hatte beantragt die 112 Bilder der Ausstallung abzuhängen, aber auch über die Parteigrenzen hinweg, wurde Unmut laut. „Das geht zu weit!“, „Das darf doch nicht wahr sein!“, „Freiheit der Kunst ja, aber doch nicht in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt“, tönte es auf allen Kanälen heutiger Öffentlichkeit. Die schlagzeilige Diskussion: „Hitler wird im Landtag ausgestellt“, kannte in den vergangene Tagen fast nur eine Reaktion: Irritation und Ablehnung.

VORBILDER- NACHBILDER-GEGENBILDER ist der Titel der Ausstellung. Sie enthält unter anderem Selbstportraits Lutz Friedel als historische (keineswegs nur politische) Figuren zwischen dem 17. Jahrhundert und der Gegenwart. Darunter eben auch als  Hitler, Goebbels und Stalin.

Hinter der Empörung verbirgt sich ein nicht unbekanntes Muster: Man erinnere sich nur die lange Weigerung gegen Christos Verhüllung des Reichstagsgebäudes. Mit denkbar uneinheitlichen 292 zu 223 Stimmen entschieden sich die Bundestagsabgeordneten 1994 endlich für die Umsetzung des Kunstprojektes. Staatstragendes Hauptargument gegen die Verhüllung war die vermeintlich verletzte Würde des Parlaments. Mit dem „steinernen Zeugnis deutschen Schicksals sollten wir sorgsam umgehen“ predigte Wolfgang Schäuble damals etwa. Einig waren sich die Demokratiemonopolisten im Parlament vor allem in einem: Die „normalen“ Menschen würden den komplexen Kunstsinn hinter all dem gar verstehen.

Das heutige Wissen darum, wie das Projekt den Bau bis in die Gegenwart (auch moralisch)  aufgewertet und im besten Sinne popularisiert hat, welche Begeisterung für ein Stück moderne Kunst sich dadurch freigesetzt hat, lässt die Bedenkenträger von einst ex post ziemlich dürftig aussehen.

Das ist das Muster. Politikerinnen und Politiker drohen immer wieder zu Figuren in Treppenwitzen der Kunstgeschichte zu werden. Das ist allerdings nicht ganz fair, denn zu ihrem Job gehört es in erster Linie Konsens zu schaffen, Mehrheiten zu generieren, allgemeingültige und allgemeinwohlgültige Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu gestalten. Die Aufgabe von Künstlerinnen und Künstlern ist das gerade nicht. Kunst darf Schlaglichter werfen, zuspitzen, sich an der Politik und auch Geschichte reiben. Nur dadurch kann sie auch Reibungsflächen erzeugen, an denen nicht alles glatt abperlt, wie sonst allzu oft in dieser Gegenwart. Die Legitimität der Kunst speist sich nicht aus demokratischer Mehrheitsfähigkeit. Das öffnet ihr aber bekanntlich nicht die alle Türen. Der Freiheit der Kunst wurden, nur selten da wo es um Meinungsfreiheit ging, häufiger dann, wenn es um Persönlichkeitsrechte ging, auch Grenzen gesetzt – im wörtlichen Sinne „mit Recht“; auch sie ist an den Rahmen des Rechts, des Legalen gebunden. Haftet den Bildern von Lutz Friedel aber etwas Illegales an, Volksverhetzung etwa? Verherrlichen Sie Hitler, Goebbels oder Stalin?

Nein natürlich nicht, aber das unterstellt ja auch keiner ernsthaft. Und natürlich will an dieser Stelle auch keiner den Kunstverkenner geben. Den Bildern soll der faux pas nicht angelastet werden. Der Landtag sei einfach der der falsche Ort dafür, heißt es vielmehr, und seine Eröffnung der falsche Anlass. Aber welcher Ort ist denn der richtige, eine das Politische kommentierende Kunst auszustellen, wenn nicht ein Räderwerk der Politik, wie es ein Parlament sein sollte? Nicht Distanz gehört zwischen politische Kunst und Politik, sondern Begegnung, Konfrontation und Dialog.

Und weiter: Ist nicht der prachtvolle Bau, der dort eröffnet wird – wohlwollend betrachtet – ein Kunstwerk, dass den „Ich!“-Portraits von Friedel gar nicht so unähnlich ist? Es bildet auf den ersten Blick das alte Schloss ab und zwar in der optischen Form, die es unter und von Friedrich  II. erhalten hat. Das war das Schloss eines Staates, dessen durchmilitarisierte Strukturen und Lebensformen immer wieder als ein Strang auf dem Weg in die Verderben des 20. Jahrhunderts interpretiert wurden. Es ist der Entwurf eines Herrschers, über den die Meinungen, ob er nun der größte Philosoph unter den Königen war oder der schwerste Verbrecher vor Anbruch des 20. Jahrhunderts, bekanntlich (und immer gut begründet) weit auseinandergehen.

Hier soll aber gar nicht die Schlossdebatte wieder aufgenommen werden. Denn mit dem Landtag wurde ja nicht das Schloss wiedererrichtet – es ist ein demokratisches Parlament gebaut worden. Seine historische Hülle will es nicht zur eigenen Zierde, sondern auch als Raum der historischen Selbstreflexion verstanden wissen. So wie der Maler Friedel sein eines Ich in den fremden zum Teil schrecklichen Figuren, deren gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer Motivation versuchen will zu spiegeln.

Man mag Lutz Friedel einen ausgeprägten Narzissmus unterstellen, sich selbst als wiederholten Bezugspunkt in die Sphären ganzer politischer Weltbilder zu setzen. Vielleicht kann man ihm aber auch eine besonders intensive Reflexion des Verhältnisses zwischen dem Subjekt und dem großen Ganzen, der Weltgeschichte  konzedieren. Das wiederum wäre etwas, was auch auf die Abgeordneten im neuen Landtagbau Vorbildfunktion haben könnte (und Vorbilder wurden ja in der Debatte um diesen Raum der Werte immer wieder verlangt). Stets das Verhältnis zwischen sich als Mensch und dem Gefüge der Macht, der Welt und der Geschichte im Blick zu haben, ist eine demokratische Tugend, die allen Politikerinnen und Politikern gut zu Gesicht steht.